Presseberichte | MEDIJSKI Odmevi

von Wolfgang Koch | 19 OKT 2022
Die Alpen-Adria-Universität Klagenfurt darf sich rühmen, das mit Abstand originellste Unversitätskulturzentrum in Österreich zu betreiben. Die zweisprachig geführte Einrichtung UNIKUM ist regelmässig für jene dynamischen Momente der Gegenwart verantwortlich, welche die Diffusgänger*innen der Provinz aus ihren Schlaf- und Traumzuständen reissen, oder, umgekehrt, sie mit überraschenden Liliputideen gerade dorthin führen, um das Leben wieder faszinierend zu machen.

Als jüngstes Luftpferd des UNIKUM erscheint ein Quasi-Heimatbuch, in dem sieben Autor*innen und eine kongeniale Fotokraft im quadratischen Format die merkwürdigsten aller Ortnamen in Kärnten-Koroška überprüfen. »Paris, Texas« ist ja, wie nicht nur Universiätsgebildete wissen, keinesfalls identisch mit »Paris, France«; und »Vienna, Virginia« liegt absolut nicht am selben blauen Gewässer wie »Vienna, Austria«. Darum war es höchst an der Zeit mal zu fragen, wie sich denn die Bezeichnungen Malta, Strassburg, Türkei, Kanaren, Klein Venedig, Gallizien und Unterloibl in die Topographie des südlichsten Bundeslandes verirrt haben.

Um es gleich vorweg zu nehmen: dieser Aufgabe entledigt sich Daniel Wisser am elegantesten. Dieser Beiträger zu dem Buch deutelt an Türkei-Turče nicht etymologisch herum wie ein Astrologe, nein, der literarische Namensforscher Wisser lässt seinen Erzähler die tragikomische Wiederbegegnung mit eine Schulfreud aus längst verflossenen Tagen schildern. Vor Ort natürlich, in der Ansiedlung Türkei-Turče, geschieht das, die so wirklich und nichtfiktional existiert wie Wörthersee, Grossglockner und die herrlichen Herrenpilze in den Wäldern.

Man erfreut sich an Wissers Shortstory prächtig. Ebenso an den stillen Bildern der Fotografin Verena Gotthardt, die an den besagten Lokalitäten ganz ohne die Ablichtung von Menschen und fast ohne landwirtschaftliches Vieh auskommen. Ein Schatten auf einer Holzlage, eine Kapelle im Verkehrsspiegel, Fenster, Baumkadaver, jedenfalls nichts, was die schlaue Tourismuswerbung plakatieren könnte, um den Fremden etwas Erholung Versprechendes anzubieten.

Der mehr in Wien als in seinem Herkunftsland bekannte Antonio Fian und die durch ihren hitzigen Patron Josef Winkler jüngst ins Gerede geratene Anna Baar bewältigen die Aufgabe erwartungsgemäss ironisch und kommen bei Malta bzw. Gallizien auf die Landeshymne zu sprechen. In diesen Fällen lässt dann, den Vorlieben der Regionalliteratur entsprechend, Bachmann, Auschwitz, ein autoritärer Vater und der Tod als Meister Globocnik nicht lang auf sich warten.

Überhaupt trägt die aktuelle österreichische Staatspreisträgerin Baar ein ziemlich deprimierendes Kulturverständnis vor sich her. Von allen Sprachen der Noriker, Etrusker, Slawen und Bajuwaren, lässt sie in ihrem Text ohne eine erkennbare Distanz sagen, »blieb uns nur das bleierne Schweigen. Der Kehricht von tausend Jahren«.

Ich finde, die in ›Kanaren im Nebel‹ vorgestellten Arbeiten sind aber gerade das Gegenteil davon. Am Sprach- und Bezeichnungswirrwarr unter den Karawanken, wo noch jede Talschaft einen eigenen deutschen oder einen eigenen slowenischen Dialekt besitzt, wo diese Mundarten täglich auf den TV-Sprech, die Fremdsprachen Italienisch und Englisch und auf die verschiedenen Zungen der Migrant*innen treffen, da ist doch der Alltag von so starken, somnambulen Begegnungen durchwirkt, dass dieses sprachliche Chaos das solide, literarische Fundament der Regionalkultur bildet.

Alois Hotschnig widmet sich in einem zeitgeschichtlichen Aufsatz der Doppelexistenz von Unterloibl-Podljubel, diesseits und jenseits der Staatsgrenze. »Immer noch wird zwischen Süden und Norden geheiratet, aber hauptsächlich wird nach Kärnten geheiratet, von unten herauf, und nicht umgekehrt. Das Slowenische weicht immer weiter zurück, beinahe bis ins Verschwinden hinein, ins Versteckt-Sein jedenfalls«.

Der Beitrag der 1961 geborenen Maja Haderlap, die bereits zu The Magnificent Seven der carinthischen Literatur nach 1945 zählt, fällt eher enttäuschend aus. Haderlap schafft es in ihrem Fünf-Strophen-Gedicht auf die Fotografierwut in der Museumsstadt Venedig zu sprechen zu kommen, was gewiss eine kunstvolle Verenkung zum Thema ist, doch mehr eben nicht. 

Dann haben wir da noch die Drautalerin Elke Laznia. Sie konnte auch von ihren bisher zwölf Auszeichnungen im Literaturbetrieb nicht arg verbogen werden. Laznia stimmt eine Totenklage über den aktuellen europäischen Krieg an, Bravo!, und sie bringt die Kanaren in der Gemeinde Ruden nicht etwa mit Palmenrausch, sondern mit einer »unvermittelt unhaltbaren« jungen Hündin in Verbindung, und diese Autorin, Jahrgang 1974, erwähnt an jener Stelle in Lippitzbach, wo die alte Garde der Heimatdichter hundertprozentig eine Eichen- oder eine Linden-Epiphanie geschildert hätten, einen nicht einmal deplatzierten Gingkobaum.

Eine Übersichtskarte hätte sich die Leserschaft in dem Text- und Bildband sicher noch gewünscht, damit man auch ohne Taschencomputer sehen kann, wo, in welchem Nebental und an welcher Abzweigung, denn diese allein wegen ihrer Namen exotischen Ortschaften nun genau zu finden sind.


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